Modernes Foto: Ein Stapel von Entschädigungsakten

Entschädigungsakten nach Entsäuerung zurück im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden

Schritt für Schritt: Entsäuerung von zwei Kilometern Entschädigungsakten des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden abgeschlossen

Es hat vier Jahre gedauert, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen: Von 2020 bis 2023 wurden über zwei laufende Kilometer Entschädigungsakten des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden entsäuert und damit langfristig im Original gesichert. Dies entspricht ungefähr einer Reihe von je zwei gestapelten Archivkartons entlang des Fußwegs vom Frankfurter Hauptbahnhof zur Konstablerwache.

Im Zuge von Entschädigungsverfahren versuchte die frühe Bundesrepublik, politisch, ‚rassisch‘ oder religiös Verfolgte für das erlittene Unrecht zu entschädigen. Dazu mussten die Verfolgten Anträge und Formulare ausfüllen und um etliche Nachweise ergänzen. Berücksichtigt wurden etwa Haftzeiten in Konzentrationslagern oder Gefängnissen, der Verlust von Eigentum durch Plünderung, Beschlagnahmung oder Zerstörung, Hinderung am beruflichen Vorkommen, körperliche Verletzungen durch Folter oder auch ‚Schaden am Leben‘ durch die Entschädigung Hinterbliebener.

Seit 1946 hatten die Regierungspräsidien in Darmstadt, Kassel und Wiesbaden die Aufgabe, Anträge anzunehmen, zu prüfen und über eine Entschädigung zu entscheiden, bis diese Tätigkeit 1968 im Regierungspräsidium Darmstadt zentralisiert wurde. Die Akten übernahm seit 1987 aufgrund seiner Verantwortung für landesweit zuständige Stellen in Hessen das Hauptstaatsarchiv Wiesbaden.

Heute enthält der Bestand HHStAW 518 „Regierungspräsidien als Entschädigungsbehörde“Öffnet sich in einem neuen Fenster in ca. 17.000 Archivkartons knapp 100.000 Entschädigungsakten aus ganz Hessen, die erschütternde Einzelschicksale der NS-Zeit und die (nicht immer angemessene) staatliche Aufarbeitung des Unrechts dokumentieren. Die Nutzungsstatistik weist diesen Bestand seit vielen Jahren als einen der meistgenutzten im Hessischen Landesarchiv aus.

Die minderwertige Papierqualität der Nachkriegszeit stellt für den Bestand jedoch eine starke Gefährdung dar. Die Papiere vergilben und werden zunehmend brüchig. Dieser Papierzerfall kann nur durch chemische Verfahren (Entsäuerung) aufgehalten und damit die Lebensdauer der Originale bei fachgerechter Lagerung um viele Jahrhunderte verlängert werden. Damit wurde im Jahr 2020 ein externer Dienstleister beauftragt; das Projekt wurde im Sommer 2023 abgeschlossen.

Ohne Fördermittel wäre ein solches Projekt undenkbar. Das Sonderprogramm zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts der Beauftragten für Kultur und Medien steuerte 50%, das Landesprogramm Bestandserhaltung Hessen weitere 40% zur Finanzierung der Gesamtkosten von gut 520.000 Euro bei.

Einen ausführlicheren Einblick in das Projekt bietet der Jahresbericht der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts: www.kek-spk.de/magazin/fokus/das-erbe-einer-dunklen-zeitÖffnet sich in einem neuen Fenster

David Gniffke, Hessisches Landesarchiv